Zwischen Deadlines und Eigenrhythmus: Was bestimmt dein Leben?
Heute steht in meinem Kalender: Kolumne schreiben & posten.
Da ich heute Morgen innerlich kein Thema greifen konnte, wurde der Termin in meinem Kalender selbst zum Thema. Damit verbunden die Frage: Wie gehe ich eigentlich mit gesetzten Terminen, mit Deadlines und dem Gefühl, funktionieren zu müssen, um?
Wir alle kennen diese Situation. Wir haben Pläne, selbstgesetzte sowie von außen gesetzte Fristen.
Und oft wissen wir: Diese Deadline jetzt gerade, die im Deutschen auch Galgenfrist oder Stichtag genannt wird, passt so gar nicht zu dem Rhythmus, den ich gerade brauche, damit es mir gut geht.
Es ist interessant, wie selbstverständlich wir das Wort Deadline benutzen. Schon der Klang des Begriffs vermittelt für mich etwas Endgültiges, Unverrückbares. Auch Wörter wie Galgenfrist oder Stichtag sind erstaunlich drastisch.
Vielleicht lohnt es sich schon deshalb, einmal darauf zu achten, was solche Begriffe in uns auslösen. Bei mir jedenfalls verändert sich etwas, sobald aus einem Termin eine „Deadline“ wird: Er bekommt mehr Gewicht, mehr Dringlichkeit – und manchmal auch mehr Druck.
Und so beugen wir uns diesem Druck. Manchmal freiwillig, manchmal notgedrungen. Manchmal sinnvoll – an anderen Stellen eher ohne Sinn. Manchmal schieben wir Dinge dann so lange auf, bis sie unumgänglich werden. Das hat Vor- und Nachteile. Druck kann Kreativität erzeugen, doch vor allem führt er zu Stress.
Stress ist ambivalent. Ein selbstgesetzter Zeitrahmen kann helfen, den eigenen Perfektionismus zu zähmen. Wenn wir wissen, dass wir nicht unendlich Zeit haben, erlauben wir uns vielleicht, 80 Prozent als ausreichend zu akzeptieren – das kann entlasten. Andererseits wirkt eine von außen gesetzte Frist mit einem Inhalt, der uns innerlich nicht anspricht, oft ganz anders. Dann wird Stress zur Belastung, erzeugt Unruhe im Körper, Widerstand, manchmal sogar inneren Rückzug.
Wie also gehen wir persönlich mit Druck und diesen sogenannten Galgenfristen, Stichtagen und Deadlines um?
Wie schaffen wir es, gesetzte Termine unserem eigenen Rhythmus anzupassen – unserer Energie, unserer Tagesform, unserem Nervensystem?
Viele würden antworten: "Bei mir geht das nicht! Nicht in meinem Beruf, nicht in meiner privaten Situation!" oder "Als Freiberuflerin oder Künstlerin kannst du dir das vielleicht erlauben – ich aber nicht!"
Und ja – diese Freiheit zu haben erlebe ich als Geschenk. Aber sie ist auch eine Aufgabe. Für mich bedeutet sie, viel innere Kraft aufzubringen, um mich immer wieder im eigenen Rhythmus auch zu strukturieren.
Wir wachsen in einer Welt auf, die von sogenannten Deadlines durchzogen ist: vom Aufstehen mit dem Wecker bis zum Schlafengehen, um am nächsten Tag wieder „funktionieren und abliefern“ zu können. Von klein auf lernen wir: Zeit ist etwas, das uns antreibt und zu Ergebnissen führt.
Die Freiheit, unser Leben entsprechend unserem eigenen oder einem natürlichen Rhythmus zu gestalten, haben wir nie richtig gelernt. Sie wurde uns oft verwehrt – dementsprechend erfordert es Bewusstsein, Energie und Willenskraft, sich selbst zu organisieren – für jeden von uns.
Mein Gedanke für diesen Sonntag betrifft mich wie viele andere gleichermaßen:
Wo können wir zeitliche Begrenzungen aufweichen, ohne uns bedroht zu fühlen?
Welche Deadlines haben wirklich Priorität in unserem persönlichen Leben – und an welchen Stellen vergleichen wir uns vielleicht unnötig mit dem Tempo oder den Fristen anderer?
Welche Fristen sind vielleicht sogar überflüssig? Und welche haben wir übernommen, ohne sie je zu hinterfragen?
Vielleicht ist dieser Sonntag ein guter Moment, um auf den kommenden Monat oder das ganze Jahr zu schauen.
Gibt es feste Termine, die dein Leben strukturieren und erleichtern? Gibt es solche, die jetzt schon Druck erzeugen, ohne dass der Nutzen klar ist?
Am Ende geht es nicht darum, ohne Pläne zu leben. Es geht darum, Pläne bewusster zu gestalten, Prioritäten zu wählen und sich selbst den Raum zu geben, dass Pläne auch mal nicht funktionieren dürfen – und zu erkennen, dass wir die Freiheit haben, sie ggf. auch über Bord zu werfen.
Und wenn wir uns schon mit Fristen auseinandersetzen, sollten wir uns doch wenigstens erlauben, auch die positiven Aspekte zu feiern und zu genießen, die eine überstandene Galgenfrist mit sich bringt – Erleichterung, Freude, Entspannung, Stolz, mehr Selbstbewusstsein… und das Gefühl (noch) lebendig zu sein :)